Damastener Stahl - (c) Joerg Lehmann

Mythos Damastmesser

Schwerter aus Damaszenerstahl umwehte einst der Ruf der Unbesiegbarkeit. Wer heute viel Geld für ein Damastmesser auf den Tisch legt, handelt meist aus ästhetischen Gründen. Erstklassig schneiden kann man damit aber auch.


Mythos Damastmesser

Wunderschön, unzerbrechlich, härter und schärfer als der beste Stahl, jedes Exemplar ein Unikat – diese Mythen umwehen Damast. Was ist in Zeiten, in denen es Damastmesser sogar beim Discounter gibt, daran überhaupt noch wahr? Der Name „Damast“ geht auf die Stadt Damaskus zurück, die im 12. Jahrhundert ein bedeutender Umschlagplatz für Waffen war. Erfunden wurde Damast dort aber nicht; man vermutet, dass der legendäre Damaszenerstahl an verschiedenen Orten der Welt entwickelt wurde.

Technisch gesprochen ist Damast ein Verbundwerkstoff, der aus unterschiedlichen Stahlarten zusammengesetzt wird. Es war der „Vater aller Dinge“, der Krieg, der die Entwicklung der ersten Verbundstähle vor über 2000 Jahren vorantrieb, denn die in den Rennöfen gewonnenen Stahlstücke waren nicht von einheitlicher Güte und zu klein, um sie etwa für Schwerter zu nutzen. Doch gute und verlässliche Waffen wurden gebraucht. Deshalb fügten Schmiede mehrere kleine Stahlstücke zu großen Blöcken zusammen.

Erfahrene Waffenschmiede kombinierten zudem unterschiedliche Stahlqualitäten miteinander, um überlegene Waffen zu schaffen: Schwerter, die durch Härte und Schärfe überzeugten, aber auch Schlagbelastungen standhielten. Der überragende Ruf der Damastwaffen stammt vor allem daher, dass nur die besten Schmiede der damaligen Zeit in der Lage waren, hochwertige Stähle zu erzeugen und anspruchsvolle Muster zu entwickeln. Diese Schmiede hatten sich über Generationen das nötige Wissen angeeignet, um alle wesentlichen Aspekte einer Waffe – ihre Gewichtsverteilung, Geometrie und Härte – exakt zu bestimmen. Waffen aus Damast waren daher etwas Besonderes und hochstehenden Persönlichkeiten vorbehalten, das Fußvolk musste sich mit deutlich einfacherer Qualität zufriedengeben. Die Herstellung der Muster ist bis heute essenziell. Dazu schichtet man im einfachsten Fall unterschiedliche Stahlbleche aufeinander und verschmiedet (oder walzt) sie zu einem Paket. Das Ergebnis nennt sich Laminat. Durch den Messerschliff zeichnen sich die diversen Lagen erkennbar ab. Aufwendigere Damastaufbauten bestehen zum Beispiel aus quadratischen Stäben unterschiedlicher Zusammensetzung, die verschmiedet und anschließend teils nochverdreht werden. Die hohe Kunst des Damastschmiedens besteht darin, einen Stahl zu schaffen, der optisch und qualitativ herausragt. Damast macht jedes Messer zu einem Einzelstück. Dazu müssen die miteinander kombinierten Stähle perfekt aufeinander abgestimmt sein.

Damast ist nicht gleich Damast

Was die Damastmesser vom Discounter betrifft: Ihre Qualität muss nicht zwangsläufig schlecht sein, wenngleich in ein billiges Messer nicht die gleiche Sorgfalt geflossen sein kann wie in ein teures. Mit der handwerklichen Damastherstellung hat ihre Fertigung aber nichts zu tun. Ihr Aufbau folgt stets einem bestimmten Muster: Die Mittelschicht der Klinge besteht aus einem Monostahl. Darauf kommen beiderseits zwei Schichten aus mehrlagigem Walzdamast, der in großem Stil industriell hergestellt wird und nur optischen Ansprüchen genügen muss. So kommen dann Bezeichnungen wie „65-lagiger Damaststahl“ zustande: 32 Lagen Walzlaminat + Kernlage + 32 Lagen Walzlaminat. Entscheidend für die Schärfe ist bei diesem Aufbau mit Kernlage nur der verwendete Monostahl. Es gibt auch teure Messer aus Walzlaminataufbau. Echter Damast ist aber dennoch etwas anderes.

Pulvermetallurgischer Damast

Die meisten Stähle werden im Stahlwerk erschmolzen, dabei mit den nötigen Zutaten „gefüttert“ und abgekühlt. Seit einigen Jahren verwenden Messerhersteller allerdings auch Stähle, die pulvermetallurgisch hergestellt werden, sogenannte PM-Stähle. Dazu wird der exakt komponierte Stahl zunächst erschmolzen, dann aber „verdüst“. Dies geschieht durch Zerstäuben des flüssigen Metalls unter Schutzgasatmosphäre und sofortigem Abkühlen. Dabei entstehen sehr kleine Pulverpartikel, die durch heiß-isostatisches Pressen (HIP) zu einem festen Stahl „gebacken“ werden. Die Weiterverarbeitung erfolgt wie bei den anderen Stählen. Zwei große Vorteile dieses Verfahrens: Auch extreme „Backmischungen“ werden realisierbar. Bei gleicher Zusammensetzung ist das Gefüge (der interne Aufbau) des pulvermetallurgischen Stahls teils deutlich gleichförmiger und feiner als beim herkömmlich erschmolzenen Pendant. Auf eine ganz ähnliche Weise entsteht auch pulvermetallurgischer Damast, wie ihn das schwedische Unternehmen Damasteel herstellt. Nur dass dabei Pulver unterschiedlicher Stahlsorten so aufeinandergeschichtet wird, dass attraktive Muster entstehen. Das Ergebnis ist ein rostbeständiger Damast, der fein und verschleißfest ist und hoch gehärtet werden kann. Allerdings ist die Musterpalette hierbei beschränkt. Bei handwerklich hergestelltem Damast ist die Musterpalette dagegen schier unendlich.


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